Rückkehr an den Ort des Geschehens nach über 10 Monaten

Lange habe ich mich hier nicht gemeldet in dieser Sache.
Ich habe bis Mitte April meine Wohnung renoviert und umgestaltet. So, dass es für mich als Einzelperson, besser und einfacher zu bewohnen ist.

Mitte März erreichte mich die Nachricht, dass die Suche nach Jürgen eingestellt ist. Seitdem versuche ich nach Frankreich zu reisen… Aber Covid machte mir hier einen Strich durch die Rechnung.

Am 14.4.2021 werde ich das erste Mal geimpft… Welch ein Privileg! Und am 26.5. ist der Termin für die 2te Impfung. I am lucky!!!

Am 2.5.2021 entscheide ich mich dann doch nach Bormes zu fahren. Ich mache einen Test, bin bewaffnet mit allen möglichen Nachweisen, dass ich in mein Haus fahre. Und was passiert? Gar nichts. Ich werde nirgends kontrolliert. Die Autobahn ab Lyon ist überfüllt. Wie ist das möglich bei der 10 km Umkreis Bewegungseinschränkung in Frankreich. Diese wird erst ab 3.5. im Rahmen der Lockerungen aufgehoben.

Aber so what? Ich komme gesund und munter bei herrlichem Sonnenschein in meinem kleinen Paradies in Bormes nach 9 Stunden Fahrt inkl. 4 kleiner Pausen an. Und ich bin glücklich, hier sein zu können und zu dürfen. Der Kühlschrank ist, dank meiner Stiefmutter Hilde, gut gefüllt. Ich sitze an diesem Sonntag noch lange draussen auf der Terrasse. Es gibt einen schönen Sonnenuntergang und die Ruhe während des Couvre feu ab 19.00 Uhr ist paradiesisch. Mir geht es gut. Gegen 22 Uhr liege ich im Bett und schlafe bald ein.

Ich brauchte diese direkte Konfrontation, um richtig in mich hinein zu fühlen.

Warum ist das so wichtig für mich?
1. Ich möchte wissen, wie es sich anfühlt, alleine hier zu sein
2. Ich möchte mich irgendwie selbst therapieren – muss lernen mit dieser neuen Situation umzugehen
3. Ich will nochmals in dem Gebiet sein, wo Jürgen verschwunden ist
4. Ich möchte für mich einen etwas genaueren Ort finden, wo es passiert sein könnte
5. Ich muss einen Abschluss finden
6. Ich will beginnen zu trauern – und dafür muss der Abschluss her.

3.5.2021 und 4.5.2021 – Ankommen und auf die Route des crêtes

3.5.2021

Am ersten Tag lasse ich es langsam angehen. Aber ich laufe runter nach Le Lavandou und mache einen Spaziergang am Strand.

4.5.2021 – auf die Route des crêtes

Ich kann nicht anders. Ich fahre ins Massif, dorthin, so Jürgen immer gewandert ist. Es ist wunderschön, überall blüht es…

Ich fühle mich Jürgen hier überall sehr nahe. Vielleicht habe ich ja ein Foto gemacht von einer Stelle, mit der ich seinen Unfall in Zusammenhang bringen kann?
Ich fahre nur die halbe Strecke und biege am Chemin de Curet wieder ab zur Küste, nach Le Lavandou/La Fossette. Auf dem Rückweg nach Hause schaue ich noch kurz am Strand von St. Clair vorbei. Hier sind mehr Leute am Strand, als gestern in Le Lavandou. die Bucht ist allerdings auch kleiner.
Den Nachmittag verbringe ich wieder beim Sonnen auf meiner Terrasse, beim Chatten mit meinen Freunden beim Online Sport und abends telefoniere ich mit meiner Freundin Margit.

5.5.2021 – Markttag in Bormes zu Corona Zeiten
Das Wetter ist wieder wunderschön. Ich laufe hoch nach Bormes zum Markt.
Es ist einfach herrlich, komplett nach seinem eigenem Rhythmus zu leben. Ich fange wirklich an, diese neue Freiheit zu genießen. Ich hätte nie gedacht, dass mir das Alleinsein mal so gefallen würde und ich bin stolz auf mich.
Der Markt in Bormes ist sehr klein. Nur 5 bis 6 Stände. Ich kaufe in paar Kleinigkeiten, Schinken, Oliven, Tapenade usw. gehen immer. Durch den Parc du cigalon laufe ich wieder nach Hause.
Abends lädt mich Hilde ein auf eine Flasche Crémant, um auf ihre zweite Covid Impfung anzustoßen. Wir verbringen einen netten Abend bei guten Gesprächen.

6.5.2021 – Jacobsmuscheln und mehr

Um 10.00 Uhr treffe ich meine Therapeutin in Deutschland am Bildschirm. Alles sehr angenehm – ich bin auf dem richtigen Weg!
Heute habe ich entschieden, dass ich nach der Sichtung der Bilder von der Route des Crêtes bestimmt eines oder auch mehrere auswählen kann, die ich vergrößern und aufhängen werde. Das wird dann meine Verbindung zu Jürgen in Deutschland erleichtern. Darüber werde ich immer mit ihm in Kontakt bleiben. Ein schöner Gedanke!

Um 7.30 Uhr werde ich wach. Die Sonne ist da und die Luft erwärmt sich schnell. Ich probiere Hildes Orangenmarmelade… Délicat !
Nach dem Gespräch mit der Therapeutin hole ich Jakobsmuscheln, Scampis und Salat. Hilde steuert noch Erdbeeren bei und wir genießen ein tolles Mittagessen.
Danach Siesta auf der Terrasse und dann laufe ich den chemin du Littoral nach St. Clair. So schön!
Leider werde ich auf dem Rückweg schwach beim Tabac und kaufe eine kleine Schachtel Cigarillos. Ist aber eher was zum Abgewöhnen.
Abends gibt es wieder Online Pilates mit Sandra.

7.5.2021  – Freitag planlos und Entspannung
Der Himmel ist bedeckt. Irgendwann kämpft sich die Sonne durch. Ich bekomme eine Anfrage für Pfingsten. Man möchte das Appartement mieten. Dann wieder Absage, weil keine Flüge verfügbar. Heute lasse ich mich treiben.
Ich repariere die Terrassentür  – sie klemmt und mache Großputz im Appartement. Um 13.30 Uhr fahre ich runter an den Strand beim Beau Rivage. Herrlich! trotz des Windes. Ich bleibe gut 2 Stunden, denn das reicht für den ersten Sonnenbrand. Danach erstehe ich gegenüber im Domaine de l’Anglade zwei 3l Container Rosé für 15 Euro/Stück.  
Dann gehe ich noch im Supermarkt vorbei und kaufe Fisch, Salat und Brot fürs Wochenende.
Ich rege mich etwas auf über die Ignoranz beim Abstandhalten der Franzosen.
Abends trinke ich mit Hilde ein Glas Rosé und für später lädt sie mich zum Bliniessen mit Lachs ein. Super lecker!
Ich chatte noch mit mit meinen Freunden und um 22.30 Uhr liege ich im Bett.

8.5.2021 – mein Leben läuft wieder rund

Ich sitze beim ersten Kaffee in der Sonne und geniesse das Leben. Im Internet schaue ich nach einem PCR Test und werde für den 14.5. in Bormes fündig. Perfekt. Mein Leben läuft soweit wieder rund, trotz Corona und Jürgens Verschwinden.

Ich genieße immer mehr das Alleinsein und die Freiheit, das zu tun, was mir in den Sinn kommt.

Gegen 11.30 Uhr fahre ich an den Strand von st. Clair… Ja, dort war ich auch am 30.6.2020, als Jürgen gewandert ist. Eigentlich eine schöne Bucht, wenn auch schnell überlaufen. Das Cap Negre immer im Blick.

Ich denke viel nach, laufe ein wenig am Strand hin und her und lese mein Buch und mache einen schönen Mittagsschlaf. Als ich gegen 14 Uhr aufwache, ist es so voll, wie im Sommer. Und viele Franzosen halten nicht den gebotenen Abstand… Dann zieht ein Wolkenband durch, ich habe Hunger und fahre nach Hause. Unter „normalen“ Umständen wäre ich sicher hier am Strand essen gegangen. Aber so geht es auch.

Als ich Zuhause ankomme, klappt es doch mit der Buchung für den 21.5. So kommt auch noch etwas Umsatz rein.

Mittlerweile ist wieder strahlender Sonnenschein und ich genieße diesen auf der Terrasse.

9.5.2021 – wieder auf Jürgens Spüren

Heute ist es etwas kühler und windiger als gestern. Ich fahre hinunter nach Le Lavandou. Auf einen Maskenspaziergang habe ich jedoch keine Lust. Also fahre ich weiter die Küste entlang bis La Haye, kurz vor Cavalière. Dort mache ich einen Spaziergang bis zum Cap. Es liegen einige FKK Anhänger an den Stränden. Ein wunderbarer Ort.

Weiter geht es bis zu dem Hotel, wo ich Jürgen am 30.6.2020 hin gebracht habe, zum Start seiner Wanderung. Ich werde nie vergessen, wie er dort aus dem Auto gestiegen ist, sich von mir verabschiedet hat und nach links den Berg hoch gelaufen ist…. Ich sitze dort eine Weile und lasse die Gedanken schweifen.

Dann geht es weiter auf den col du Canadel. Es ist einfach wunderschön hier… Alles blüht und duftet, die Aussicht aufs Meer und die Hügel ist gigantisch. Oben auf dem Plateau parken einige Camper und picknicken. Es ist Mittagszeit.

Ich fahre weiter oben auf der Route des crêtes und geniesse auf der einen Seite die Aussicht zum Cap Negre und auf der anderen Seite nach la Môle und die Bucht von St. Tropez.

An der Kreuzung, wo es hinunter geht nach Le Lavandou, fahre ich in Richtung Küste und nach Hause.

Den Nachmittag und Abend verbringe ich entspannt mit verschiedenen Telefonaten und dem Film „Expedition Happiness“ auf Netflix.

10.5.2021 – der Regentag

Es schüttet den ganzen Tag. Nachmittags kommt der Techniker, um die sat Anlage neu einzustellen. Gut, denn die deutschen Gäste brauchen deutsches Fernsehen.

Gegen Abend leere ich mit Hilde eine Flasche Champagner 🥂. Dadurch vergesse ich sogar meine online Pilates Stunde um 19.30 Uhr.

Auch heute telefoniere ich viel mit meinen Freundinnen in Deutschland und Freunden in Frankreich. Schön, wenn man auf diese Art und Weise in Kontakt bleibt.

11.5. und 12.5.2021 – Chillen und pilgern zu Notre Dame de Constance

Am 11.5. passiert nicht viel. Ich arbeite ein wenig im Haus und im Garten. So einen Gammeltag braucht man hin und wieder. Hilde verlässt mich abends, denn sie fährt morgen zu Tochter und Enkeln nach Dijon.

Mittwoch 12.5. laufe ich hoch zu Notre Dame de Constance. Mit diesem Ort verbinden mich zahlreiche Erinnerungen an Jürgen.

Ich fahre mit dem Auto hoch nach Bormes und nutze den Pilgerweg hoch zur Kapelle. Es blüht alles herrlich, der Himmel ist azurblau aber es weht ein kalter Westwind.

Ich gehe in die Kapelle, zünde drei Kerzen an, für Jürgen und unsere Nachbarn, denn Franz, unser Nachbar, ist seit einigen Tagen im Krankenhaus.

Ich denke viel an Jürgen. Es gibt so viele  und schöne Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit. 23 Jahre lang konnten wir hier in dieser Gegend zahlreiche schöne Augenblicke erleben. Und gleichzeitig wird es immer erträglicher für mich, seine Abwesenheit zu ertragen.

Ich genieße die Zeit hier oben, nehme einen etwas anderen Weg wieder hinunter. Ich bin alleine mit dieser traumhaften Aussicht und den Blütenteppichen.


                      

Wieder unten angekommen, erstehe ich ein Panini, was ich auf einer Bank in der Sonne verzehre. Meine Freundin Uli ruft an und wir quatschen ausgiebig. Es tut gut!

Danach kaufe ich noch Fisch im Intermarché…

Den Abend verbringe ich mit Chats und einem langen Telefonat mit meinem Bruder Carsten.

Donnerstag 13.5. – Himmelfahrt und Markttag in Le Lavandou

Klar war ich auf dem Markt und habe herbes de Provence, Oliven, tapenades und ein paar spezielle Salz Mischungen als Mitbringsel für die Daheimgebliebenen erstanden. Es ist voll… Die Franzosen machen le pont… Das Brückenwochenende.

Somit genieße ich den Nachmittag auf meiner Terrasse, ohne Maske und Abstandsregeln.

14. – 16.5.2020 – die Selbsterfahrungsreise geht zu Ende

Am Freitag mache ich den geforderten PCR Test, der eine Farce ist, gegenüber dem Schnelltest in Deutschland. Aber, was soll’s. War ja auch für Ausländer in Frankreich kostenlos. Danach zieht es mich auf eine Cabriotour, die ich jedoch schnell abbreche, da mir zu viel Verkehr ist. Es ist irre voll… Überall.

Samstag mache ich Grossputz, danach noch kurz Wein und Champagner kaufen. Eigentlich wollte ich noch ein wenig am Meer laufen. Aber es fängt an zu tröpfeln und ich habe Wäsche aufgehängt. Also wieder zurück.

Sonntag steht die Rückreise an. Es war wieder mal eine furchtbare Fahrt. Stau, Regen und Wolkenbrüche wechseln sich ab. Ich komme erst nach 11 Stunden ziemlich erschöpft zu Hause an.

Fazit

Es war gut, richtig und wichtig, dass ich dort war. Es hat mich zwar teils aufgewühlt und traurig gemacht. Aber auf der anderen Seite war der Aufenthalt alleine dort wichtig, die ganze Sache zu verarbeiten. Eine Art Selbsttherapie, die mir gut getan hat.

Im Juni fahre ich wieder hin!!!!

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